Gehen für die Rehabilitation

Gehen ist die Grundlage der unteren Extremitäten‑Rehabilitation. Geringe Stoßbelastung und gut dosierbare Last machen es ideal für eine progressive Erholung nach Verletzung oder OP. Objektives Monitoring – besonders von Geschwindigkeit, Schrittfrequenz und Symmetrie – ermöglicht präzises Verlaufs‑Tracking und eine sichere Rückkehr in Aktivität.

Warum Gehen?
  • Niedrige Kräfte (~1,1–1,2× KG) im Vergleich zum Laufen (2–3× KG)
  • Fein dosierbar (Tempo, Dauer, Häufigkeit, Terrain)
  • Funktional (direkt alltagsrelevant)
  • Objektive Metriken (Gehgeschwindigkeit, GSI) quantifizieren Fortschritt
  • Frühe Mobilisation verhindert Dekonditionierung

Progressive Belastungssteuerung

Heilungsverlauf & Geh‑Dosis

Gewebeerholung folgt Phasen – die Geh‑Belastung muss zur Kapazität passen:

PhaseZeitfensterGewebestatusGeh‑Verordnung
Akut/EntzündungTag 0–5Koagel, EntzündungGeschützte Teilbelastung (Gehilfen), 10–30 % Last
ProliferationTag 5–21KollageneinlagerungTeilbelastung → Voll, 5–15 Min Walks
Frühe RemodellierungW 3–6Kreuzvernetzung, KraftaufbauVollbelastung, 15–30 Min, flach
Späte RemodellierungW 6–12Reifung, 60–80 % Kraft30–60 Min, Hügel zulassen, Frequenz ↑
MaturationMon 3–12+Nahe NormalUnlimitiertes Gehen, Übergang zu Lauf

10‑%‑Regel (für Reha angepasst)

Im Reha‑Kontext konservativ mit +5–10 %/Woche steigern:

Woche 1: 10 Min/Tag × 3 Tage = 30 Min
Woche 2: 10 Min/Tag × 4 Tage = 40 Min (+33 % über Häufigkeit)
Woche 3: 12 Min/Tag × 4 Tage = 48 Min (+20 % über Dauer)
Woche 4: 12 Min/Tag × 5 Tage = 60 Min (+25 % über Häufigkeit)
            

Tipp: Zuerst Häufigkeit ↑, dann Dauer ↑, zuletzt Intensität (Frequenz/Tempo).

ACWR (Acute:Chronic Workload Ratio)

ACWR = Wochenlast (7 Tage) / 28‑Tage‑Ø

Reha‑Zielbereich: 0,80–1,20 (max. 1,30)
  <0,80  = Dekonditionierung
  0,80–1,30 = „Sweet Spot" für Anpassung
  >1,50 = hohes Re‑Verletzungsrisiko
            
Gabbett 2016: ACWR > 1,50 → 2–4× höheres Verletzungsrisiko – in der Reha tendenziell noch höher.

Protokolle nach Verletzung

Bandzerrungen (Sprains) UE (Sprunggelenk/Knie)

Grad I (mild)

  • W1: RICE; Schutzbelastung (Orthese/Stütze)
  • W2: Vollbelastung, 10–15 Min 2–3×/Tag, flach
  • W3–4: 20–30 Min, unebenes Terrain zulassen, Orthese ab
  • Sport: in 4–6 Wo, schmerzfrei und symmetrisch

Grad II (moderat)

  • W1–2: Schutzbelastung (Boot/Gehilfen), minimal gehen
  • W3–4: Vollbelastung, 10–20 Min mit Orthese
  • W5–8: 30–60 Min, Orthese ausschleichen, Propriozeption
  • Sport: 8–12 Wo nach Freigabe

Grad III (schwer)

  • W1–3: Immobilisation (Boot/Gips), keine/Teilbelastung
  • W4–6: Teilbelastung, Aquawalking, 5–10 Min
  • W7–12: Vollbelastung, 10–30 Min mit Orthese
  • Mon 3–6: Unlimitiertes Gehen, Balance/Kraft, Laufvorbereitung

ACL‑Rekonstruktion

Gehen ist zentral. Symmetrie‑Monitoring verhindert Kompensationen.

Post‑OPGeh‑ZielFrequenzGSI‑Ziel
W1–2Belastung n. Toleranz mit Gehhilfen, 5–10 Min indoor60–80 spmn. b.
W3–4Gehhilfen ausschleichen, 15–20 Min ohne Hinken80–90 spm<15 %
W5–830–45 Min, flach, ohne Orthese90–100 spm<10 %
W9–1260 Min, sanfte Hügel, schneller100–110 spm<7 %
Mon 4–6Unlimitiert, Walk‑Jog‑Intervalle110–120 spm<5 %
Mon 6–9Return to Run (nach Freigabe)Lauf: 160–180 spm<3 %
Evidenz: Persistente Asymmetrie (GSI > 10 %) nach 6 Mon. → höheres Re‑Verletzungs‑, kontralaterales ACL‑ und Früh‑Arthrose‑Risiko. Symmetrie vor Lauf/Sport priorisieren.

Plantarfasziitis

  • Akut (W1–2): Gehvolumen −50 %, stützende Schuhe/Einlagen, Eis nach Walks
  • Subakut (W3–6): Graduelle Rückkehr; Wadenstretch 3×/Tag; Nachtschiene erwägen
  • Chronisch (>6 Wo): Evtl. Physio, Kortikoid‑Injektion oder ESWT
  • Prävention: Kein Barfuß auf hartem Boden; Schuhe alle 600–800 km; Fußmuskeln stärken

Nach Operation

Totale Hüftendoprothese (THR)

Standard‑Zeitplan

PhaseZeitGeh‑VerordnungRestriktionen
Station/Früh‑Post‑OPTag 1–3Mit Rollator, 15–30 m 3–4×/TagHüftregeln (Flex <90°, nicht kreuzen)
Frühe ErholungW 1–610–20 Min mit Stock/Rollator, indoor → outdoorRegeln einhalten; Treppen anfangs meiden
IntermediärW 6–1230–60 Min, Hilfsmittel ausschleichen, sanfte HügelRegeln ggf. ab 6–8 Wo aufgehoben
FortgeschrittenMon 3–6Unlimitiertes GehenHigh‑Impact meiden (Langlebigkeit Prothese)

Neurologische Rehabilitation

Nach Schlaganfall

Häufig hemiparetischer Gang mit deutlicher Asymmetrie → Gehen hat Priorität.

InterventionMechanismusEvidenz (Geschwindigkeit)
Aufgaben‑spezifisches TrainingWiederholtes Overground‑Gehen+0,10–0,15 m/s (12 Wo)
BWSTTTeil‑Entlastung → höheres Volumen+0,08–0,12 m/s
FESStimulation Dorsalextensoren (Fußheberschwäche)+0,05–0,10 m/s; Sturzrisiko ↓
HIIT GehenSchnell/Slow Wechsel+0,15–0,20 m/s ggü. kontinuierlich
KrafttrainingParetische Seite stärken+0,08–0,12 m/s (mit Gangtraining)

Ganganalyse‑Symmetrie (GSI)

GSI = |Rechts − Links| / [0,5 × (Rechts + Links)] × 100

Beispiel (Schrittlänge):
  Rechts: 0,65 m
  Links:  0,55 m
  GSI = |0,65−0,55| / [0,5 × (0,65+0,55)] × 100 = 0,10/0,60 × 100 = 16,7 %

GSI‑Ziele im Verlauf

Reha‑PhaseZielInterpretation
Früh (W 1–3)<20 %Asymmetrie erwartet; schmerzfreie Belastung priorisieren
Intermediär (W 4–8)<10 %Belastung der verletzten Seite normalisieren
Fortgeschritten (W 9–16)<5 %Nahe Symmetrie vor Lauf/Sport

Tools

  • Wearables (IMU): Schritt‑/Standzeit je Bein
  • Kraftplatten (Labor‑Goldstandard)
  • Videoanalyse (Front/Back; 30‑Sek‑Zählung)
  • Klinische Beobachtung (Hinken, Trendelenburg, Fußheberschwäche)
Red Flag: GSI > 10 % > 8–12 Wo → unvollständige Reha/Restschmerz/Angst – Sportprogression stoppen bis GSI < 5 %.

Kriterien für Rückkehr in Aktivität

Alle Kriterien erfüllen:

KriteriumTestGrenze
Schmerzfrei60 Min moderates Gehen0/10 während, <2/10 nach 24 h
Gehgeschwindigkeit4‑/10‑m‑Test≥90 % vom Prä‑Verletzungswert ODER ≥1,0 m/s
SymmetrieGSI (Schrittlänge/Standzeit)<5 %
BalanceEinbeinstand, Augen zu, 30 sVerletztes Bein ≥80 %
KraftIsokinetik/ManuellVerletztes Bein ≥90 %
Hop‑Tests (Sport)Einbein‑Sprung DistanzLSI ≥90 %

Schmerzmanagement in der Reha

„Guter“ vs „schlechter“ Schmerz

  • „Gut“: Muskelermüdung, milder DOMS 24–48 h → erwartbar
  • „Schlecht“: Stechend, lokal, progredient → Belastung stoppen

Schmerz‑Monitor‑Skala (0–10)

LevelBeschreibungAktion
0–2/10Kein/leichter SchmerzFortfahren, steigern
3–4/10Moderat, tolerabelErlaubt; binnen 24 h abklingen
5–6/10Relevant, Form beeinträchtigtIntensität/Dauer ↓
7–10/10Stark, Gang verändertSOFORT STOPP

24‑h‑Regel

  • ≤3/10: Wie geplant fortschreiten
  • 4–6/10: Gleiche Dosis wiederholen
  • ≥7/10: Volumen −30–50 %, zusätzlicher Ruhetag

Maßnahmen

Nicht‑medikamentös

  • Eis 15–20 Min nach Walks (akut)
  • Kompression/Erhöhung
  • Sanftes Dehnen, leichte Massage

Medikamentös

  • Paracetamol (kein antientzündlicher Effekt; gewebeschonend)
  • NSAR (Ibuprofen/Naproxen) sparsam – chronisch kann Heilung beeinträchtigen
  • Topische Analgetika (Diclofenac‑Gel, Lidocain‑Pflaster)

Vorsicht: NSAR >2 Wo können Kollagensynthese bremsen → Laststeuerung priorisieren.